Die Bhagavadgita:
Die Bhagavadgita ist ein Teil des Mahabharata Epos, das in 100.000 Doppelversen den Kampf zwischen 2 verwandten Fürstenfamilen, den Pandavas und den Kauravas, schildert. Es wird allgemein angenommen, dass die Bhagavadgita, die im 4./3. Jahrhundert v. Chr. entstanden sein dürfte, erst nachträglich in das Epos eingefügt wurde (ca. 200 n. Chr.). Der Name Bhagavadgita läßt sich mit “der Gesang des Erhabenen” übersetzen. “Der Erhabene” ist Krishna, eine der irdischen Gestalten des Gottes Vishnu, der sowohl die Welt durchdringt und ihre Ursache ist, als auch als persönlicher Weltherrscher über sie hinausragt. Krishna belehrt nun Arjuna, einen Angehörigen der Kriegerkaste, der sich seinen Verwandten gegenübersieht und diese nicht töten will, über das Wesen des Dharma (Weltgesetz), Gottes und der Heilswege. Diese Belehrung ist der Inhalt der Bhagavadgita, die heute eins der meistgelesenen religiösen Bücher in Indien ist.
Der Heilsweg der Liebe (Bhakti):
“Das Wort bhakti ist von der Wurzel bhaj, ‘dienen’, abgeleitet und bedeutet den Dienst an Gott, liebendes Hangen an Gott.” So schreibt S. Radhakrishnan in seiner Einleitung zur Bhagavadgita. Der Weg der Liebe zu und der Hingabe an Gott wird von Krishna als der beste der Heilwege bezeichnet, obwohl er die anderen Heilswege (Versenkung bzw. Erkenntnis, selbstvergessene Pflichterfüllung) nicht ausschließt, sondern sagt, dass diese ebenfalls zur Erlösung führen. Die drei Wege kann man auch nicht kategorisch voneinader trennen, sie gehen teilweise auch ineinander über. Es ist allerdings natürlich schwieriger, die Einheit mit einem nicht- offenbaren göttlichen Weltgeist durch Erkenntnis zu erlangen, als sich in Liebe an einen persönlichen Gott hinzugeben. Während man beim Weg der Erkenntnis also von Anfang an die Einheit, die Verschmelzung mit dem Göttlichen zu erreichen sucht und schließlich zur Einsicht gelangt, dass das Atman, das tief in jedem Menschen verborgen ist, gleich Brahman, der Weltseele ist, ist beim Weg der Bhakti die Unterscheidung zwischen Gott und Mensch essenziell, denn um verehren zu können muss ein Gegenüber vorhanden sein, dem man Liebe und Verehrung entgegenbrigen kann. In der Bhakti der Bhagavadgita spielt menschliches Bemühen um die Liebe und Gnade Gottes im Gegensatz zur Praxis der Prapatti eine große Rolle. Prapatti ist die demutsvolle Unterwerfung, in der man sich ganz von seinem Selbst mit seinen Wünschen etc. freimacht, so dass Gott in einen eindringen und übernehmen kann. Der Unterschied läßt sich durch das Bild des “Affen-” und des “Katzenwegs” verdeutlichen: Das Katzenjunge wird einfach von der Mutter ins Maul genommen und getragen (Prapatti) während sich das Affenjunge anstrengen und selbst an seine Mutter klammern muss (Bhakti).
“Bhakti besteht aus zwei Teilen, der vorbereitenden…und der höchsten…Form.” Dies schreibt Vivekananda. Um zur höchsten Form zu gelangen muss der Bhakta mehrere Stufen der vorbereitenden durchlaufen und braucht in dieser Phase, nach Vivekandanda, viel konkrete Hilfe. Das sind beispielsweise religiöse Kulthandlungen und Riten, die Symbolik und die Mythologie. In der Bhagavadgita gibt Krishan Arjuna auch mehrere Möglichkeiten zum Ausüben und zum Erlangen von Bhakti an: Man kann durch Versenkungsübungen dahin kommen, seinen Geist ständig auf Gott richten zu können. Wem dies noch zu schwer ist, der soll alles, was er tut, als für Krishna getan ansehen, seine Handlungen sozusagen Krishna weihen. Wer auch dies noch nicht schafft, dem rät Krishna, einfach auf das Ergebnis seiner Handlungen zu verzichten, sozusagen zu handeln, ohne sich um den Ausgang zu kümmern. Weder Erfolg noch Mißerfolg dürfen einen irgendwie kümmern. Man handelt nur um der Handlung, nicht um des Resultats willen. Der Bhakta verzichtet nicht auf das Handeln, sondern vollbringt die Taten, die er auf Grund des Dharma vollbringen muss. So ist es für Arjuna als Angehörigen der Kriegerkaste die Pflicht zu kämpfen, denn jeder muss nach seiner Bestimmung handeln, damit die Weltordnung aufrecht erhalten bleibt. Wenn Arjuna aber nicht für Ruhm und Reichtum, sondern nur wegen des Dharma kämpft, wirken sich die Taten nicht negativ auf sein Karma aus. Krishna betont, dass das Handeln ohne Begierde unbedingt notwendig für den Bhakta ist, um zur höchsten Form der Bhakti zu gelangen.Derjenige, der die höchste Form der Bhakti erreicht hat, befindet sich ständig im Zustand der Gottesliebe, er liebt Gott und weiß, dass er von ihm geliebt wird. Für ihn sind nun alle Dinge der Sinnenwelt gleichgültig, da er sein Leben allein durch die Gottesliebe als erfüllt ansieht. Sozusagen ist Bhakti nicht nur der Weg zur Erlösung, sondern trägt diese schon in sich. Wer die höchste Stufe errreicht hat, kann auch kein Geschöpf mehr hassen, sondern muss die ganze Welt lieben. Denn wer Gott liebt, liebt auch die Welt, da sie Gott gehört und von ihm durchdrungen wird. Der Bhakta steht nun gleichgültig über weltlichen Freuden und auch Leiden, da er ja Gottes Liebe hat und außer ihr nichts braucht. Diese Liebe beruht auf Gegenseitigkeit: Wer sich fest darum bemüht, Gott zu finden und zu lieben, dem wird dieser mit seiner Liebe entgegenkommen. Der Bhakta der Bhagavadgita wird dabei nicht in eine rauschartige Ekstase versetzt, sondern er befindet sich in einem ruhigen Zustand der ständigen Gottesliebe. Zu dieser Gottesliebe gehört auch das Vertrauen in Gott. Der Bhakta weiß, dass Gott ihn liebt und für ihn sorgen wird, das eifrige Bemühen um das eigene Wohlbefinden wird hinfällig. Wer die höchste Form der Bhakti erreicht hat, der weiß auch, dass das Bemühen um irdische Dinge sinnlos ist. Wer die vollendetste Form der Bhakti erreicht hat, hat außerdem zugleich das höchste Wissen erreicht. So führen die beiden Wege der Erkenntnis und der Bhakti am Ende zum gleichen Ziel, wobei der Weg der Bhakti der einfachere ist, da der Bhakta im vorbereitenden Stadium Riten, Symbolik etc. als Hilfsmittel zu Verfügung hat, bis er schließlich zur höchsten Form gelangt und auf sie verzichten kann.
Die drei Wege des Wissens, der Liebe und des Handelns ergänzen also einander und haben alle das gleiche Ziel, nämlich die Erlösung durch Loslösen von der Welt und Hinwendung zu Gott. Der Mensch, dessen Seele erlöst ist, lebt zwar noch in der Welt, ist aber doch schon von ihr gelöst, da er innerlich von allen Bindungen an irdische Werte wie Reichtum, Ehre oder auch Unglück frei ist. Die Bhakti- Religion allgemein ist eine Religion, die ziemlich viel Freiraum für die persönliche Ausübung läßt. Welcher Gott und wie er verehrt ist, ist letztendlich nicht so wichtig, da in jedem Gott immer der allerhöchste verehrt wird und der Verehrende seine Kraft auch immer durch den allerhöchsten erhält. In der Bhagavadgita ist die Gottesliebe natürlich auf Krishna/ Vishnu bezogen. Auf Äußerlichkeiten wird nicht so viel Wert gelegt, wichtig ist die innere Einstellung. Bei einem, der auf Grund seines Dharma handelt und seine Handlungen seinem Gott weiht und bei einem, der aus Egoismus handelt, sieht man auf den ersten Blick äußerlich keinen Unterschied. Und doch führt der eine Weg zum Heil, der andere ins Verderben. Bhakti schließt auch feindliche Auseinandersetzungen mit anderen Religionen aus, da der Bhakta die ganze Welt liebt und niemanden hassen kann und Bhakti viele verschiedene Phasen und Formen kennt.
Literatur:
-Die Bhagavadgita, mit Einleitung und Kommentar von S. Radhakrishnan
-von Glasenapp, Helmut (Hrsg.): Bhagavadgita, Reclam, Stuttgart, 1955
-Hutter, Manfred, Dr.: Yoga als Weg zur mystischen Vereinigung mit der Gottheit nach der Bhagavadgita; in Spirita, Zeitschrift für Religionswissenschaften, Diagonal Verlag, Marburg, 1/92
- Swami Vivekananda: Karma- Yoga und Bhakti- Yoga, Rascher Verlag, Zürich 1953
-Hutten, K.: Die Bhakti- Religion in Indien und der christliche Glaube im Neuen Testament; in Veröffentlichungen des orientalischen Seminars der Universität Tübingen, heruasgegeben von E. Littmann und J.W. Hauer, Kohlhammer, Stuttgart 1930
Tags: Bhagavadgita, Bhakti, Indien, Krishna, Vishnu